Das schwarze Blut

Das schwarze Blut

Das schwarze Blut

Jean-Christophe Grangé „Das schwarze Blut“
Verlag: Weltbild / 2010
S. 278
„Abends um zehn war er wieder in seinem Hotelzimmer.
[…]
Er legte seine Schlüssel auf den Nachttisch, daneben die Visitenkarten der Psychiaterin und der Insektenhändler, die er aufgesucht hatte. Schließlich kam noch eine ihm unbekannte Karte mit chinesischen Schriftzeichen zum Vorschein.
Er drehte sie um: Die Rückseite war lesbar. Es war die Karte von »MISTER RAYMOND«, die ihm draußen vor dem Hardrock-Café jemand in die Hand gedrückt hatte: »Mädchen alle Art« stand unter der Telefonnummer.
Warum nicht?
Um den Geschmack des Todes auszulöschen, brauchte es eine Schocktherapie.

Sie gefiel Mark auf Anhieb.
Klein und athletisch, erinnerte sie an eine kindliche Turnerin. Unter dem Kleid aus feinem schwarzen Musselin zeichneten sich ihre runden Oberschenkel und ihre spitzen Brüste ab. Sie strahlte eine sinnliche Energie, eine Begierde aus, die ihm den Atem verschlug und seinen Mund trocken werden ließ.
Anscheinend fühlte sie sich unbehaglich; sie setzte sich in den einzigen Sessel im Zimmer und versteckte sich hinter ihrer Mähne. Das Gesicht passte zu ihrem strammen Körper: ein wenig derbe, ländliche Gesichtszüge mit weit vorstehenden Wangenknochen, Katzenaugen. Die Schönheit eines Dolchs, dachte Mark. Quatsch, sagte er sich gleich darauf, das ist ein schlichtes Bauernmädchen, das sich zum Pin-up-girl aufgetakelt hat.
»Where do you come from?«
»Miam-Miam«
»I’m sorry. I didn’t get the name. Where do you come from?«
»Miam-Miam«
Es brauchte eine Weile, bis er begriff, dass sie aus Myanmar stammte, wie Birma seit einigen Jahren offiziell hieß. Er zahlte im Voraus, und die Missverständnisse gingen weiter. Er stellte sich vor , wie er ihr das Kleid auszog, oder, noch besser, langsam über die Oberschenkel hinaufschob. Doch die Birmanin zog sich kurzerhand das Kleid über den Kopf, mit knappen, sachlichen Gesten, wie eine Schwimmerin vor dem Wettkampf den Trainingsanzug.
Sie deutete wortlos auf die Dusche. Mark lächelte und malte sich ihre Liebkosungen im Wasserdampf aus, stellt sich ihre lange Mähne auf seiner Brust vor. Sie aber setzte sich professionell eine Duschhaube auf und machte sich daran, seinen Schwengel zu schrubben, als kratzte sie Rost vom Grill.
Als sie ins Bett stiegen, setzte sich die Turnerin rittlings auf seinen Bauch und legte ihm die Hände auf die Brust. Endlich die Massage!… Mark schloss die Augen und wartete auf sanfte Finger, die ihn lustvoll walkten, auf eine flinke, zuckende Zunge, die seine Muskeln umkreiste, abwärts, immer weiter hinab, bis… Stattdessen bekam er zwei Fausthiebe in die Seiten, und als er erschrocken die Augen aufschlug, sah er sie in ihrer Handtasche kramen. Sie zückte ein Kondom und riss mit den Zähnen die Verpackung auf, wie bei einer eingeschweißten Spritze. Jede Geste war präzise, effizient – professionell eben.
Und Mark hatte auf eine heiße Kamasutra-Nummer gehofft.
Was er bekam, war eine therapeutische Behandlung.
Immerhin hatte er einige Minuten später seinen Orgasmus. kurz wie unzerkaut geschlucktes Reisbällchen. Dann stellte das Mädchen sich schlafend, um nicht Englisch reden zu müssen, was sie nicht konnte.“

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