Die Godin

Die Godin

Die Godin

Robert Hültner „Die Godin“
Verlag: btb / 1999
S. 88
„Die Hure ging ihm einen Schritt entgegen. Ein matter Lichtschein zeigte ein weißes Gesicht, dessen Nase vor Kälte dunkel gerötet war. Die Hure war groß. Sie trug einen langen Rock und ein wollenes Mieder, dessen obere Knöpfe geöffnet waren. Kajetans Körper, der plötzlich keine Kälte mehr verspürte, hatte eher begriffen. Kajetan murmelte etwas und wollte weitergehen.
»Aah!« sah sie enttäuscht auf ihn herab. »Wosch ma a so gfalla dädsch! Warum denn it?«
Er hob bedauernd die Schulter. »Geht nicht.«
Sie lächelte, wiegte sich leicht in den Hüften und gurrte mütterlich. »Bei mir schtänd er glei, Burschl.«
Er kratzte sich am Nacken.
»So? Aber obs so ging, wies ich gern hätt?«
Sie kam neugierig näher. »Du wärst des erschta Mannsbild, dem was neues einfallert. Wie hädsch es denn gern?«
»Das sag ich nicht.« Er grinste albern. »Weils du das bestimmt nicht kannst.«
Sie sah ihn prüfend an und überlegte einen Augenblick.
»Oh mei«, seufzte sie schließlich mitleidig und verdrehte die Augen, »scho wieder ein Komiker… Geh zu! Du schtiehlst mir mei Zeit!«
Kajetan spielte den Ahnungslosen. »Wie kommst auf Komiker?«
»Geh zu«, wiederholte sie gelangweilt, »i weiß scho, wie dus möchsch: umsonsch. Du hasch wirkli gmeint, dass der Schpaß a nagelneuer is? Den hör i zwanzmal am Tag.«

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