Die Stadt der Blinden

Die Stadt der Blinden

Die Stadt der Blinden

José Saramago „Die Stadt der Blinden“
Verlag: Rowohlt / 2011 / eBook
S. 23 f. (von 299)
„Vereinfachend könnte man diese Frau der Kategorie der sogenannten Prostituierten zuordnen, doch die Komplexität gesellschaftlicher Beziehungen, der täglichen sowie der nächtlichen, der vertikalen ebenso wie der horizontalen, der hier beschriebenen Zeit, lässt es ratsam erscheinen, jegliche Tendenz zu unumstößlichen definitiven Urteilen zu mäßigen […] Kein Zweifel, diese Frau geht für Geld ins Bett, man könnte sie also ohne Umschweife als eine Prostituierte bezeichnen, da aber gewiss ist, dass sie dies nur dann tut, wenn sie es möchte und mit wem sie es möchte, sollte man sie mit aller Vorsicht eher von dieser Gruppe, als Ganzes verstanden, ausnehmen. Sie hat, wie jeder normale Mensch, einen Beruf, und wie jeder normale Mensch nutzt sie auch die Stunden, die ihr bleiben, um dem Körper einige Freuden zu verschaffen und ihre Bedürfnisse, die besonderen und die allgemeinen, hinreichend zu befriedigen.“

S. 150 f. (von 299)
„Sofort protestierten die Frauen, die alleine waren, keinen Partner hatten oder keinen festen Freund, sie seien nicht bereit, das Essen für die Männer der anderen Frauen mit dem zu bezahlen, was sie zwischen den Beinen hätten, eine von ihnen, die Achtung vor dem eigenen Geschlecht vergessend, sagte sogar dreist, Ich bin Frau genug, da hinzugehen, aber was ich damit verdiene, ist meins, und wenn es mir gefällt, bleibe ich bei denen, dann sind mir wenigstens Bett und Tisch sicher.[…]
Einige der Frauen beruhigten sich, hatten sich besonnen, aber eine andere goss plötzlich erneut Öl ins Feuer, als sie spöttisch fragte, Und was würdet ihr tun, wenn sie statt Frauen Männer verlangten, na, was würdet ihr dann tun, los, lasst mal hören. […] Hier gibt’s keine Schwulen, wagte ein Mann zu protestieren. Und keine Huren, erwiderte die Frau, die die provozierende Frage gestellt hatte […]“

Schreibe einen Kommentar