Kakerlaken

 

 

Kakerlaken

Kakerlaken

Jo Nesbø „Kakerlaken“
Verlag: ullstein / 2008
S. 08
„Die Schwester hatte sauberer Kleider bekommen, ein Zugticket nach Bangkok und eine Adresse in Patpong, die auf der Rückseite einer Visitenkarte notiert worden war. Sie weinte wie ein Wasserfall, obgleich Dim so heftig winkte, dass ihr beinahe die Hand abfiel. Die Mutter tätschelte Dims Kopf und sagte, dass das alles nicht leicht sei, aber auch nicht so schlimm. So bleibe es ihrer Schwester jedenfalls erspart, als kwai von Hof zu Hof zu ziehen, wie sie selbst es vor ihrer Hochzeit getan habe. […] Dim hatte nicht verstanden, was ihre Mutter mit kwai meinte, aber sie wollte nicht fragen. Natürlich wusste sie, dass kwai Ochse bedeutete. Wie die meisten anderen hier hatten sie nicht das Geld für einen eigenen Ochsen, so dass sie einen mieten mussten, wenn das Pflügen der Reisäcker anstand. Erst später hatte sie erfahren, dass die Mädchen, die diesen herumziehenden Ochsentreibern folgten, ebenfalls kwai genannt wurden, da ihre Dienste im Mietpreis für den Ochsen inbegriffen waren. So verlangte es die Tradition.“

S. 21
„»Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es dem Vertrauten des Ministerpräsidenten schaden würde, wenn ans Licht käme, dass ein Vertrauter und Parteifreund, den er selbst auf einen Außenposten gehievt hat, in einem Bordell erwischt wird, und dann auch noch ermordet!«
Mit einer Handbewegung überließ der Staatssekretär wieder der Polizeipräsidentin das Wort, doch Moller konnte sich nicht beherrschen:
»Was ist denn so besonders daran, einen Freund zu haben, der mal ins Bordell geht?«“

S. 98
„Harry hatte keine Ahnung, wie viele Prostituierte er im Laufe seiner Karriere bereits verhört hatte, er wusste nur, dass es ziemlich viele waren. Sie schienen bei Mordfällen ebenso sicher aufzutauchen wie Fliegen auf einem Kuhfladen. Nicht weil sie direkt etwas damit zu tun haben mussten, sondern weil sie beinahe immer etwas zu erzählen hatten.
Er hatte sie lachen, fluchen und weinen hören, hatte sich mit ihnen angefreundet und wieder entzweit, Absprachen getroffen, Versprechen gebrochen und war bespuckt und geschlagen worden. Trotzdem hatten diese Frauen etwas. Allein die Umstände, die sie geformt hatten, die er wiederzuerkennen und zu verstehen glaubte. Was er nicht verstand, war ihr unbeugsamer Optimismus, dass sie, obgleich sie mehr als einmal in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt hatten, nie den Glauben daran zu verlieren schienen, dass es dort draußen auch gute Menschen gab.“

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