Mann im Dunkeln

Mann im Dunkeln

Mann im Dunkeln

Paul Auster „Mann im Dunkel“
Verlag: rowohlt / 2008
S.186

„Du warst ihr treu…
Absolut.
Und wann ist es zum ersten Ausrutscher gekommen?
Entgleisung wäre in diesem Zusammenhang wohl das passendere Wort.
Oder, besser noch: Fehltritt. Das hat eine angemessene spirituelle Note.
Na schön, Fehltritt. Um Neuzehnhundertsiebzig herum, glaube ich. Aber mit Spiritualität hatte es nichts zu tun. Nur mit Sex, schlicht und einfach mit Sex. Es wurde Sommer, Sonia brach zu einer Europatournee auf, die drei Monate dauern sollte – übrigens zusammen mit deiner Mutter -, und ich blieb zurück, gerade mal fünfunddreißig Jahre alt, von Hormonen geschüttelt, ohne Frau allein in New York. Tagsüber arbeitete ich fleißig, aber die Nächte waren farblos, öde, leer. Ich fing an, mit meiner Clique von Sportreportern auszugehen, die meisten von ihnen waren starke Trinker – Poker bis drei Uhr morgens, eine Bar nach der anderen. Nicht dass diese Leute mir besonders sympathisch gewesen wären, aber immerhin war es eine Abwechslung, und wenn ich den ganzen Tag mit mir selbst zugebracht hatte, brauchte ich ein wenig Gesellschaft. Als ich dann wider einmal nach einer durchzechten Nacht in Richtung Upper West Side nach Hause ging, sah ich in einem Hauseingang eine Prostituierte stehen. Ein sehr attraktives Mädchen, wie sich herausstellte, und ich war betrunken genug, auf ihr verlockendes Angebot einzugehen.
-Schockiert dich das?
Ein wenig.
Ich werde nicht weiter ins Detail gehen. Es geht mir nur um die allgemeine Richtung.
[…]
Also weiter?
Ja, erzähl weiter.
Das verlockende Angebot, nun, ich bekam meine schönen Stunden, die überhaupt keine schönen Stunden waren, aber nachdem ich fünfzehn Jahre lang mit derselben Frau geschlafen hatte, fand ich es faszinierend, einen anderen Körper zu berühren, Haut zu spüren, die anders war als die Haut, die ich kannte. Das war die Entdeckung jener Nacht. Die neue Erfahrung, mit einer anderen Frau zusammen zu sein. […]“

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